My WayTo Klick
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2016-09-01 Selfi on mirror - Foto ┬ę Carlo Werndl von Lehenstein

FOTOART @stadtraben

My Way To Klick ...

… Fotografie ist heute nichts Besonderes. Jeder, der ein einigerma├čen ordentliches Smartphone besitzt, kann Bilder schie├čen. Das tue ich auch. Es hat vielleicht keine Wichtigkeit, jeden Quatsch zu fotografieren – aber, wenn es halt Spa├č macht. Klick.

Als Junge hatte ich noch die Gelegenheit, bei meinem Gro├čvater zu lernen, wie man Aufnahmen - in Schwarzwei├č - in seinem kleinen Fotolabor selbst entwickelt. Das beeindruckte mich. F├╝r ihn war es ein Hobby, und es boten sich ihm viele Gelegenheiten, damit Eindruck zu schinden. Wir sprechen von der Zeit Ende der 1960er, Anfang der 70er. Nicht jeder konnte und wollte sich eine Agfa Silette oder sp├Ąter die Optima leisten. Sein Lieblingsapparat aber war die Voigtl├Ąnder Ultron. Ihr Lederschutz war schon ordentlich ramponiert, doch die Kamera wirkte wie neu. Nie werde ich den gro├čartigen Moment vergessen, als ich nach stundenlanger, ordentlicher Unterweisung zum ersten Mal auf den Ausl├Âser dieses Ger├Ąts dr├╝cken durfte. Ich war m├╝de, mir schwirrte der Kopf und vor allem hatte ich Angst etwas kaputt zu machen. Kurzum, die Lust am Fotografieren war erloschen.

Von einer seiner Reisen brachte er dann eine Zeiss Ikon Contaflex mit, eine hauptamtliche Spiegelreflexkamera. Seine Freude an dieser Errungenschaft war so gro├č, dass jetzt nicht nur bei festlichen Anl├Ąssen geknipst wurde, sondern sogar extra Situationen gestellt wurden, damit sie festgehalten werden konnten. Die Familie im Sonntagsanzug, Essen bei der Tante, Fahrt zur Burg Eltz etc. - es wurden viele Fotos und verdammt viele Dia-Abende. Zu Weihnachten bekam ich die heilige Voigtl├Ąnder geschenkt, die ich nach den Festivit├Ąten in einer meiner Schubladen versenkte.

Mein Stiefvater ├╝berraschte uns bei einem sommerlichen Treffen mit einer echten Innovation:
Die Polaroid-Sofortbildkamera. Es war faszinierend, zuzusehen, wie sich diese Bilder aus dem Nichts entwickelten. Es war ebenso spannend, wie seiner Zeit in Opas Labor, nur halt jetzt in Farbe ohne Chemikalien und Dunkelkammer – einfach so, in der Hand. Jeder durfte mal knipsen und das ohne Anleitung. Er hatte sich diese Kamera zugelegt, um seine erlegte Jagdbeute frisch am Tatort abzulichten und dann beim J├Ągerstammtisch damit aufzutrumpfen. Okay, er formulierte es etwas anders und zeigte uns dann die Bilder von zig erschossenen Rehb├Âcken, Hirschen, F├╝chsen, Hasen und Fasanen. Interessant und grausig zugleich. Vor allem die Troph├Ąentr├Ąger hatte er so fotografiert, dass man zwar gut ihre Geweihe sehen konnte, man ihnen aber zugleich in ihre sch├Ânen Augen sehen musste. Diese Augen hatten nichts von einem toten letzten Blick, nein sie spiegelten noch die Lebensfreude, aus der sie gerissen wurden.

Ritsch-Ratsch-Klick, also die Agfamatic Pocket 4000, war revolution├Ąr. Man steckte ein knochen├Ąhnliches Plastik rein, in dem der Film lag und dr├╝ckte. Fertig. Meine Oma hatte eine solche von ihrem Mann geschenkt bekommen, dem Herrn Realschuldirektor, – wobei: Es war die etwas g├╝nstigere Kodak pocket instamatic 100. ÔÇ×So, Helen, jetzt kannst du, wenn du bei den T├Âchtern bist, deine eigenen Bilder machen.“ Das tat sie anfangs auch. Als sie jedoch nach dem dritten Film zur Rede gestellt wurde, was sie da denn abgelichtet habe, und dass man doch nicht gegen die Sonne schie├čt und ├╝berhaupt, wer sind die fremden Leute da?, da hast du aber gewackelt wie ein Ochsenschwanz etc. war das Thema f├╝r sie durch und ich Besitzer eines zweiten Apparats. Doch ich machte nicht Omas Fehler und gab Opa die Filme zum Entwickeln. Ich fotografierte heimlich und ging auch nicht zu Foto Porst sondern zur Konkurrenz, um sicher zu sein, dass die Bilder nicht in falsche H├Ąnde gerieten. Ich wusste nur zu gut, wer wen in diesem Kleinstadtidyll kannte. Mit meinen sp├Ąrlichen Ersparnissen aus der Weinlese finanzierte ich die Bildermacherei. Es war klar, dass diese Bilder nur im Freundeskreis anzusehen waren und niemals in die Finger von Erwachsenen kommen d├╝rften. Die ersten K├╝sse, die ersten Ausschweifungen beim Weinfest oder gar Freunde beim Frisieren ihrer Mopeds. Geheime Dokumente, die an einem geheimen Ort in unserem ebenso geheimen Jugendtreff 'Pandoras Bar' unter Verschluss gehalten wurden. In Pandoras Bar kamen vor allem die witzigen Blitzw├╝rfel zum Einsatz. Die Dinger hatten vier Blitzlampen und nach jedem Ausl├Âsen brannten die regelrecht ab, und der Plastikmantel schmolz zum braunen Etwas.

Mit sechzehn zog ich aus, in die weite Welt und kehrte der Mosel den R├╝cken. Mit im Gep├Ąck beide Kameras. Gut, jetzt war die Stadt in der Pfalz nur 180 Kilometer von Zell entfernt, aber doch war alles neu und unkontrolliert.
W├Ąhrend meines Aufenthalts am Naturwissenschaftlichen Technikum lernte ich neue Leute kennen, auch welche, die sich neben der Chemie f├╝r die Fotografie interessierten. Das war die Wiedergeburt der Voigtl├Ąnder. Verhalten machte ich experimentelle Aufnahmen, schlie├člich notierte ich zu jedem Bild, welche verwegene Einstellung an den kleinen R├Ądchen bei welcher Situation ich gew├Ąhlt hatte. So war es mir m├Âglich, nachdem der Film entwickelt war, genau zu analysieren, was gut und was ├╝berhaupt nicht funktionierte. Im Freundeskreis tauschten wir unsere Erfahrungen aus, und bald unternahmen wir gemeinsame Exkursionen zu Burgen im Morgengrauen oder Federwei├čen-Festen am Abend, um zusammen mit unterschiedlichem Filmmaterial und verschiedenen Kameratypen die immer selbe Aktion zu belichten. Erstaunlich war, wie gut die Ergebnisse der Ritsch-Ratsch-Klick Ger├Ąte mithalten konnten. Einer der Kommilitonen besa├č mehrere Objektive zu seiner Leica, er war der King und Wortf├╝hrer. Er war bestimmt alles andere als ein Frauenschwarm, aber er hatte richtig Ahnung und war auch frech genug, die attraktivsten Studentinnen vor die Linse zu bekommen. Von manchen nahm er auch Nacktbilder – Entschuldigung ÔÇ×Aktphotographien“ – auf. Wir betrachteten die Ergebnisse gerne und ├Ąu├čerten uns eifrig. Aber wir sagten nicht: ÔÇ×Schau dir dieses Luder an, die zeigt sogar ihre Muschi.“ Nein, wir sagten: ÔÇ×Ist ja unglaublich, wie toll das Licht sich auf der Haut so zart ├╝ber der Scham bricht.“ Dann gafften wir voller Anstand und schwiegen.

Auch Landau war nur eine Episode und mich verschlug es ins Allg├Ąu. In Isny setzte ich das Studium der Chemie und die Fotografie fort. Ein M├Ąrchenland mit seinen weichen Voralpenh├╝geln, und alle Farben wirkten kr├Ąftiger. W├Ąhrend meiner Semesterferien arbeitete ich in der Schweiz. Mitten in den ausgewachsenen Bergen und an den klaren Seen bei Interlaken. Ich hatte mir zuvor die Agfamatic Pocket 4000 gekauft, da erstens klein und unkompliziert, und zweitens hatte die Kodak ihren Ritsch-Ratsch-Geist aufgegeben. Ein Kollege zeigte mir seine Fotoausr├╝stung. In einer gro├čen orangen weichen Fototasche steckte eine Minolta 9000 und drei Objektive. So ein Ger├Ąt mit Autofokus, Bajonettverschluss, Belichtungsautomatik, Fernausl├Âser, Teleobjektiv, Polfilter, Motorwinde und und und hatte ich bis dahin noch nie in der Hand gehalten. Ein absolutes Profiteil.   

Da er wegen eines Joints mit der Schweizer Obrigkeit in einen bl├Âden Clinch geraten war, wollte er sie dringend verkaufen. F├╝r einen spektakul├Ąr kleinen Preis erwarb ich die komplette Ausr├╝stung. Zur├╝ck im Allg├Ąu zeigte ich stolz meine Errungenschaft und erz├Ąhlte, wie g├╝nstig ich sie bekommen hatte, da meinte einer meiner Freunde: ÔÇ×Vielleicht ist die Ausr├╝stung von einem japanischen Touristen, und der Typ hat sie nur geklaut.“ Mist, dachte ich, sollte es wirklich so sein? Wir untersuchten das ganze Material genau. Es gab keine Gravur, keinen noch so kleinen Aufkleber oder sonstigen Hinweis, welcher Spuren eines Vorbesitzers h├Ątte verraten k├Ânnen. Dann zeigte ich die Fotos, die ich auf der Jungfrau, im Lift, bei den Abfahrten und am Brienzersee geschossen hatte. Sie beeindruckten und das leidige Thema der Herkunft wurde verdr├Ąngt. Das Allg├Ąu war eine echte Filmkulisse, egal ob bei Auftritten befreundeter Rockbands oder in der Natur. Es verging fast keine Woche, in der ich nicht einen 36er Film verknipste. Nach einiger Zeit beherrschte ich die Minolta mit all ihrem Zubeh├Âr.

Am ersten Mai 1987 zog es mich nach Berlin, besser: Ich wollte es mir nur mal eine Woche lang ansehen. Freunde hatten mir erz├Ąhlt, dass ich unbedingt nach Kreuzberg fahren m├╝sse, da sei immer viel los, da steppt der B├Ąr. Mit meinem VW-Bus passierte ich den Checkpoint Bravo, kommend vom Transit ├╝ber Leipzig. Welche graue Fahrt, durch grau wirkende Landschaften mit ├Âden braunen, heruntergekommen wirkenden H├Ąusern und H├Âfen im Hintergrund. Ich hatte so viel Schlimmes ├╝ber die Vopos geh├Ârt, dass ich mich nicht traute, w├Ąhrend der Fahrt durch die DDR auch nur ein einziges Foto zu machen. Am Kontrollpunkt Dreilinden tankte ich meinen Bus voll, kaufte einen Faltplan und erholte mich vom Transit, gl├╝cklich wieder auf sicherem Boden zu sein. Von Berlin wusste ich bis dahin nur, dass ich dort Anfang 1964 gezeugt wurde, dass alle Bekloppten und Wehrdienstverweigerer dahin z├Âgen und die Berliner eine freche Schnauze bes├Ą├čen. Ach ja, und Br├Âtchen hei├čt Schrippe, und das Geb├Ąck, was wir als Berliner bezeichneten, Pfannkuchen.

Im Bus sah ich mir den Weg nach Kreuzberg an und packte meine Kamera aus. Ich montierte die Motorwinde, da ich so aus dem fahrenden Bus mit einmal Ausl├Âsen gleich f├╝nf Bilder schie├čen k├Ânnen w├╝rde und hoffte, dass dann wenigstens eines scharf wird. Abenteuerlustig und mordsm├Ą├čig aufgeregt fuhr ich die Avus entlang und bog auf den Kurf├╝rstendamm. Auf H├Âhe der N├╝rnberger Stra├če fand ich einen Parkplatz. Ich baute die Minolta um, nahm das Teleobjektiv und fotografierte die mich ├╝bermannenden Eindr├╝cke. Nach keinen zehn Minuten war der erste Film voll. Ich hatte es beim Herumlaufen nicht gemerkt, erst als der Transporthebel sich str├Ąubte. Unter den Yorckbr├╝cken dachte ich, ich sei falsch und wollte wenden, doch schon war ich in Kreuzberg. Nun noch diese O-stra├če finden. Gerade durch bis zu einem Hermannplatz und dann immer Richtung Norden zum Kottbusser Tor. Am Kreisverkehr waren schon viele Leute, und als ich in die Adalbertstra├če bog, wurden es noch mehr. Meine Freunde hatten nicht gelogen: Hier steppte der B├Ąr. Im Schleichtempo rollte ich bis fast zur n├Ąchsten Querstra├če, dann ging nichts mehr. Kein Vor und kein Zur├╝ck. Die Menschen liefen um den Bus herum wie in einem Zombiefilm, und dazu wurde es auch immer dunkler. Schnell montierte ich erneut die Winde an, kurbelte das Fenster herunter und schoss blind in die Menge. Ein M├Ądel rief ich an und fragte, was hier los sei und ob es hier immer so wild zugehe. ÔÇ×Alter, et is erster Mai, kiek, dass de weg kommst, die Bullen!“ schleuderte sie mir zu und lief mit der Meute los. Das Datum wusste ich selbst, dachte ich noch, da prasselten Wasserstrahlen auf meine Frontscheibe, dass es den Bus regelrecht zur├╝ckdr├╝ckte. Ich griff die Kamera und hielt einfach drauf, bis der Film voll war. Ein gr├╝ner Wasserwerfer preschte z├╝gig nur circa 10 Zentimeter vor meiner Sto├čstange vorbei, und innerlich h├Ârte ich schon das Krachen eines Aufpralls. Da war er schon vorbei. Dank des heftigen Wassereinsatzes war hinter mir die Stra├če recht frei, und ich setzte zur├╝ck, um dann in der Ritterstra├če zu parken. Ich stieg aus und betrachtete meinen Bus. Rechts oberhalb des vorne montierten Reserverads war eine deutliche Delle zu sehen. Das war das Erste, was ich mit dem neuen Film fotografierte. Wahnsinn, was f├╝r eine Kraft diese Wasserstrahlen hatten, und damit gingen die auf die Leute los, unverantwortlich. Zu Fu├č machte ich mich jetzt auf Erkundigungstour, ich wusste ja immer noch nicht, was hier los war. In einer Kneipe kl├Ąrte man mich auf, nachdem man mich erst mal f├╝r meine Ahnungslosigkeit richtig ausgelacht hatte. Einige Altanarchos philosophierten ├╝ber die hei├čen Schlachten zur├╝ck bis Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke. Das Klirren einer zerplatzenden Schaufensterscheibe trieb alle auf die Stra├če. Der Irrsinn par exellence tat sich auf. Steine flogen, Krieg. Ich knipste dreimal und verkroch mich dann schnell an den Tresen, wartete bis die Party vorbei war.

Schon vier Tage sp├Ąter, ich hatte ein WG-Zimmer direkt in der Oranienstra├če gefunden, hielt ich meine Actionfotos in der Hand. Es war erstaunlich, welche Power der Gewalt die Minolta eingefangen hatte. Das Wasserwerferszenario war das Beste. Auf f├╝nfzehn Bildern konnte man deutlich erkennen, wie der Strahl auf die Frontscheibe schlug und in den Reflexionen die Menschen fl├╝chteten. Dabei schob sich der gr├╝ne K├Ârper des Wagens wie ein Monster immer mehr ins Bild. Bei den Kneipenbildern sah man, wie einige Polizisten rechts hinten auf einen der Demonstranten gnadenlos einschlugen, w├Ąhrend vorne links einige Vermummte gerade 'Berliner Argumente', so nannte man die kleinen Pflastersteine, warfen. Absto├čend und grausam, aber voller Faszination betrachtete ich die Bilder, immer wieder. Die Fotos manifestierten mir erst mein Bewusstsein, dass ich wirklich in dieser radikalen Situation mittendrin gewesen war. Mir war es gar nicht so schlimm vorgekommen, wie es sich auf diesen Dokumenten darstellte.

Neugierig und skeptisch betrachtete ich nun dieses Berlin. Verr├╝ckt erschienen mir die vielen kreativ gestalteten Fassaden. Stra├če f├╝r Stra├če zog ich lang und hatte bald ├╝ber sechzig dieser Charakter-H├Ąusergesichter abgelichtet.

Ich war bei Freunden zu Besuch im Allg├Ąu und zeigte ihnen meine Bilder, da brachte man mich zu dem Bruder eines Freundes, der wiederum … Egal, ab da finanzierte sich meine Fotografie zum ersten Mal selbst. Ich durfte f├╝r ein kleines Wochenblatt 'Berlinbilder' schicken. Das bot ich dann auch anderen kleinen Zeitungen an und bald gab es einen bescheidenen Pool an Interessenten, die ich nun monatlich best├╝ckte. Parallel zu Studium, Kneipenjobs und B├╝hnenversuchen. Warum sollte ich nicht bleiben? Ich blieb und die Mauer fiel.

Bis zu hundertf├╝nfzig D-Mark f├╝r ein einziges Mauerbild, nat├╝rlich nur, wenn es ver├Âffentlicht wurde. Wahnsinn. Schnell lernte ich andere Fotografen kennen. Tagelang lungerten wir an der Mauer, ob Brandenburger Tor oder Bernauer Stra├če, dazu gab es noch Taschengeld daf├╝r, dass wir f├╝r die Radio- und Fernsehanstalten nachts auf ihre Pl├Ątze mit Equipment aufpassten. Andersrum konnten wir daf├╝r ebenfalls ihre Podeste nutzen, um ├╝ber die K├Âpfe hinweg zu fotografieren. Wir waren jung, voller Testosteron, im st├Ąndigen Adrenalinhyphe. Wir schliefen f├╝nf Tage nicht. Ein Kreuzberger Fotoladen entwickelte rund um die Uhr f├╝r gutes Geld unsere Filme. Auf dem Weg zur Post sortierte ich die schlechten aus und schickte die guten per Express in den S├╝den. Dann zur├╝ck, immer hoffend, dass man nichts Tragisches verpasst habe. Ebenso pl├Âtzlich, wie es losgegangen war, war es auf einmal vorbei. L├Ąnger h├Ątte man es in dieser Intensit├Ąt auch nicht durchgehalten. Die Mauer, vor allem der Abriss und dann die Mauerspechte und K├╝nstler waren noch lange gute Nebeneink├╝nfte, auch wenn die Preise pro Bild heftig sanken.

Mit dem Motorrad fuhr ich im Fr├╝hjahr nach D├Ąnemark, etwas leichtsinnig nur mit Schlafsack und kleinem Zelt, da sehr frisch. Es war mit Irland und ├ägypten meine tollste Fahrt. Die vielen bunten H├Ąuser, die in die Landschaft gekleckst erschienen und dazu das wunderbare Licht. Morgens war es am intensivsten. Schade, dass ich in ├ägypten noch keine Fotoausr├╝stung besessen hatte. In Irland fotografierte ich vor allem Pubs und Destillerien, da es ein Auftrag war, der f├╝r ein neues authentisches irisches Gastrokonzept in M├╝nchen war. Aus M├╝nchen stammte auch der Auftrag, einige private Fincas auf Ibiza zu fotografieren. Ein Prospekt f├╝r die Upperclass. Eine tolle Woche, ich durfte in alle Clubs mit VIP-Karte, musste keinen Pfennig f├╝r irrsinnig ├╝berteuerte Getr├Ąnke bezahlen, hatte zw├Âlf Restaurants zur Auswahl, in denen ich mich nach Herzenslust verk├Âstigen durfte und schlief in einer der Fincas mit einer ├Ąlteren lustigen Hausdame und Swimmingpool vorm Schlafgemach.

In Berlin fotografierte ich bald immer weniger, da TU und Jobs immer mehr abforderten. Einmal unternahm ich noch einen sehr witzigen Fototrip. Eine Bekannte und ihre ├Ągyptische Freundin baten mich, doch ein paar Bilder mit ihnen in der Stadt zu machen, damit Jasmin zur├╝ck zu Hause zeigen konnte, wie sch├Ân Berlin ist. Ich packte meinen Kram, und wir trafen uns in einem Sch├Âneberger Caf├ę. Dort legten wir die Route fest, es sollten ja so viele Sehensw├╝rdigkeiten wie nur m├Âglich im Hintergrund stehen. Wir starteten am ├ägyptischen Museum, logisch und r├╝ber zum Charlottenburger Schloss. Die eine blond und blau├Ąugig, die andere ebenholzfarben mit tiefen schwarzen Augen und beide sehr geschmackvoll gekleidet, posierten sie mit einem solchen Spa├č, dass sich in K├╝rze eine Ansammlung von Neugierigen um uns herum scharte. Das spornte die M├Ądels an. An allen Pl├Ątzen, an denen wir uns in Position brachten, erlebten wir das Selbe. Es war ein tolles Shooting. Als ich ihnen die Bilder gab, waren sie gl├╝cklich, und Jasmin meinte: ÔÇ×Wow, so gut sahen wir da aus, na dann ist es ja kein Wunder, dass die alle so geschaut haben, die dachten wohl, wir seien ber├╝hmte Models.“ Danach wurden meine Fotos wieder sachlicher und nat├╝rlicher, ab und zu auch tierisch.

Am f├╝nfundzwanzigsten Mai 1995 erlebte ich dann meine pers├Ânliche Apokalypse. Der Mieter unter mir hatte sonntags morgens um vier in seiner bekifften Dusseligkeit seine Wohnung und damit das ganze Haus in Brand gesteckt. Nackt konnte ich mich nur noch retten. Das Schlimmste war, dass ich meine kleine H├╝ndin verbrannte. Auf einmal wirst du dir gewahr, dass du nichts mehr, aber auch rein gar nichts mehr besitzt. 600 LPs, alle Gedichte und Geschichten, die ich bis dato verfasst hatte, alle pers├Ânlichen Erinnerungen. Dazu geh├Ârten nicht nur die eigenen Fotoarbeiten, sondern auch die, die ich von meinem inzwischen verstorbenen Gro├čvater erhalten hatte. Kein einziges Ger├Ąt und schon gar keine Kamera ├╝berstand die Feuerbrunst. Tage sp├Ąter, als man die verkohlten Aschereste durchsuchen durfte, fand ich ein stark angesengtes Hochzeitfoto meiner l├Ąngst geschiedenen Frau und ein fast unversehrtes Babybild unserer Tochter.

Es dauerte Jahre, ich wollte kein Eigentum mehr besitzen, bis ich bei meiner neuen Freundin zum ersten Mal wieder eine Kamera in die Hand nahm. Sie war stolze Besitzerin einer Canon A1, die bis heute gute Dienste leistet. Als wir 2000 unsere Bar ausbauten, legten wir uns eine Polaroid zu und verschossen Unsummen, um immer die aktuellen Bauabschnitte und Entwicklungsstufen festzuhalten. Danach scannte ich diese umst├Ąndlich ein und vergrub die Exponate in PC-Ordnern.

Mit Aufkommen der Digitalfotografie, schafften wir uns 2002 eine Casio M1 Exilim an. Zeitgleich entwickelten die Smartphone-Hersteller immer bessere Kameras in ihren kompakten Ger├Ąten, so dass es Usus wurde, bei jeder Veranstaltung in der Bar einfache Schnappsch├╝sse zu knipsen. Nach dem das Teil dem Bar betrieb nicht standgehalten hatte, folgte eine Nikon Coolpix L27, die, wahrscheinlich f├╝r den Notfall, immer noch in greifbarer N├Ąhe seit ├╝ber ein Jahrzehnt herumliegt. Es wurden Hunderte von schlechten Bildern, die es zum gr├Â├čten Teil zu Recht in den PC-M├╝lleimer schafften. 2006 gaben wir die Bar auf und widmeten uns meiner Krankheit. W├Ąhrend dieser Phase, war mir nicht nach fotografieren und ich selbst nicht gerade photogen. Nachdem diese Scharm├╝tzel des Lebens 2013 ├╝berstanden waren, schenkte uns ihr Bruder seine Canon 400D mit einfachem Objektiv.

Wir hatten schon 2009 die Idee gefasst ein Internetportal zu gestalten, das sich ausschlie├člich mit Kritiken zu Kabarett, Comedy, Chansons und was die Kleinkunst noch so bietet f├╝r den deutschsprachigen Raum zu gr├╝nden. 2010 ging liveundlustig.de ans Netz. In diesem Moment war es f├╝r uns alle rechtes Neuland. Urheberrechte f├╝r Bild und Text etc. Bald war es klar, dass wir unsere eigenen Bilder brauchten, oder wenigstens welche von befreundeten Fotografen, die uns auch die Ver├Âffentlichung gestatteten. Eine kleine Unachtsamkeit einer Agentur, die wir seit Jahren gut kannten, l├Âste wegen eines einzigen Bildes eine Prozesslawine aus, in der wir derart hoch verklagt wurden, als geh├Âre uns der Springerkonzern. Was die unterbelichtete Richterin am Landgericht M├╝nchen auch frei weg so sagte. Gleiches Recht f├╝r alle. Es wurde mager und liveundlustig.de stieg zwar immens in seiner Popularit├Ąt, jedoch ist es dem werten Internetnutzer ein Gr├Ąuel f├╝r etwas zu zahlen oder zu spenden, was doch frei im Internet steht. Dank einiger weniger Unterst├╝tzer kann sich liveundlustig.de einigerma├čen, mehr schlecht als recht im user-freundlichen Datendschungel erhalten. Da der technische Qualit├Ątsanspruch f├╝r Bilder auf Webseiten und Blogs nicht dem eines zu druckenden Plakats standhalten musste, konnte und durfte ich viele Live-Auftritte mit der Canon und dem 18-55mm Objektiv fotografieren. Ich durfte w├Ąhrend der Shows auch rumlaufen, aber niemanden st├Âren und never ever den Blitz benutzen.

Mittlerweile sind es weit ├╝ber 300 K├╝nstler, die ich bei ihren Veranstaltungen ablichten konnte. Seitdem ich jetzt meine einfache Ausstattung um ein gebrauchtes Tamron AF 28-300mm Objektiv erweitern konnte, gelingen auch gute B├╝hnenfotos in weniger gut ausgeleuchteter Live-Atmosph├Ąre.

Ich habe keine Fotoausbildung absolviert und m├Âchte mich auch wahrlich nicht als Fotograf bezeichnen, aber ohne Fotografie w├╝rde mir etwas fehlen. Das eine oder andere Foto kann sich ja auch sehen lassen.

Viel Spa├č w├╝nscht der Stadtrabe

 

2016-09-26 Selfi 2 - Foto ┬ę Carlo Wanka

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